Inhaltliche Einführung
Worum geht es?
Die “Astronautilia” ist ein zwischen 1993 bis 1994 entstandenes altgriechisch-tschechisches (und mit weiteren deutschen, lateinischen, englischen und neugriechischen Sprachsegmenten versehenes) Science-Fiction-Epos des tschechischen Autors Jan Křesadlo (alias Václav Pinkava). 1995 ist es zum ersten Mal in einer limitierten Ausgabe in Prag erschienen.
Ausgangspunkt der Erzählung ist, dass eines Tages in der Zukunft durch Zufall entdeckt wird, dass die Existenz des Kosmos gemäß der Quantentheorie von einem “kosmosbetrachtenden Schaf” (gr. μῆλον κοσμοθεωροῦν) abhängt. Man stellt dieses Schaf daher unter Bewachung. Allerdings wird es von einem Ingenieur namens Mandys gestohlen, weshalb der für die Überwachung verantwortliche Nemo (im Gr. Οὐδείς - “Niemand”) damit beauftragt wird, Mandys und das Schaf wieder einzufangen. Dafür erhält er ein altes Schiff und eine Besatzung, die unter anderem aus einem “bioplastischen” Universalübersetzer in Stinktierform namens Franta und einem Reparaturroboter namens Tonda besteht. Die Suche nach Mandys und dem Schaf (im Epos durch den vielfach wiederholten Vers Μανδὺν ζητοῦντες καὶ μῆλον κοσμοθεωροῦν - “auf der Suche nach Mandys und dem kosmosbetrachtenden Schaf” stets präsent gehalten) führt den Protagonisten Nemo, der zugleich Ich-Erzähler ist, in 24 “Gesängen” auf verschiedene Planeten, bis er schließlich mittels einer Zeitreise Mandys auf der Erde des Jahres 1993 stellen kann.
Dieser Erzählkern wird gerahmt durch einen fiktiven Bericht Křesadlos über die Entstehung des Gedichts, das nur “versehentlich” auf Griechisch verfasst wurde, weil der Universalübersetzer Franta die Gegenwart des Jahres 1993 mit dem 16. Jahrhundert verwechselt habe. Křesadlo habe demnach nur die tschechische Übersetzung angefertigt, während der griechische Text auf ein Diktat Nemos und dessen Übertragung in griechische Hexameter durch Franta zurückgehe. Vermittelt durch den Archivar Divíšek sei der Text dann zu Pinkava (Křesadlo) gelangt.
Warum eine Neuedition?
Ein zumindest in seinem Kern altgriechisches Science-Fiction-Epos vom Ende des 20. Jahrhunderts ist ohne Zweifel ein literarisches Kuriosum, wie Křesadlo selbst im Vorwort hervorhebt.
Dabei stellt sich der Autor mit der Wahl von Sprache und Form bewusst in eine lange Tradition. Namentlich bezieht er sich dabei, wie auch schon der Untertitel “kosmische Mikroodyssee” anzeigt, auf den griechischen Dichter Homer, der durch die unter seinem Namen laufenden Epen “Ilias” und “Odyssee” am Anfang der abendländischen Literaturtradition steht.
Zugleich kann man das Werk aber auch als einen Ausläufer der seit der Renaissance im westlichen Europa einsetzenden neualtgriechischen Literaturtradition begreifen.
Schließlich verbindet der Autor diese alten Traditionslinien mit denen der modernen Science-Fiction-Literatur, um so ein einzigartiges Konglomerat von alten und modernen Elementen zu schaffen, das sich in seiner Originalität von anderen derartigen Versuchen auch dadurch abhebt, dass es zugleich unterhaltsam sein soll.
Dies ist Křesadlo zweifelsohne gelungen, der allein schon durch die komplizierte Konstruktion der Autorschaft des Textes auf dessen hohen Anspielungsreichtum und satirisch-parodistische Natur hinweist. In diesem Sinne kann man den Text gewiss als geistreich-witziges Spiel goutieren. Zugleich provoziert der Text in manchen Teilen aber auch eine kritische Lektüre (was hier durchaus auch als Triggerwarnung verstanden sein soll). Beispielhaft dafür sei nur auf die invektivische Auseinandersetzung mit einem zeitgenössischen Kritiker in der Figur von Mandys, die klischeehafte Behandlung des Geschlechterdiskurses und die generell oberflächliche Figurenzeichnung hingewiesen. Vieles davon erklärt sich sicherlich durch die satirisch-parodistische Anlage und die Konzentration auf den Plot, manches ist zeitbedingt, anderes lädt zu Widerspruch und eigener Auseinandersetzung ein.
Die schon lange angekündigte Neuedition (s. zuerst Weise 2011, 401 Anm. 7 und zuletzt dens. 2024, 284 Anm. 43) ist dabei als Ausgangspunkt für eine solche vertiefte Auseinandersetzung gedacht. Sie konzentriert sich vor allem auf den griechischen Text, die Erschließung von dessen Textgeschichte, Sprache sowie literarischen und anderen Vorbildern bzw. Traditionen und einen vereinfachten Zugang durch eine schlichte deutsche Prosaübersetzung. Angesichts der besonderen Komplexität wurde eine digitale Umsetzung gewählt. Klare Einschränkungen weist sie in der Behandlung der tschechischen Fassung auf, die hier lediglich “mitgeliefert” wird, ohne dass ihre Dimension hinreichend erfasst, geschweige denn erschlossen wird. Wenn die Edition trotz dieser Beschränktheit dennoch zu weiteren Lektüren und Kontextualisierungen beitragen könnte, wäre ihr Ziel erreicht.